Letzte Fahrt

eck3Ein Tag wie aus dem Bilderbuch.
Die Anzeigetafel am Hauptstrand zeigte die Sonnenscheindauer in Minuten. 888 für heute, das bedeutete jede Menge Sonne von Sonnenauf- bis -untergang. Phantastisch, fand sie, wunderschön. Sie hatte jede Minute genossen, so wie sie jede weitere Minute auf der Insel genießen würde.
Aus West-Nordwest wehte ein leichter Wind, die Luft war klar und roch nach Meer, das Thermometer zeigte jetzt am Abend noch 24 Grad und der schmalzige Sänger im Strandpavillon sang auch heute wieder sämtliche Nummereinshits der englischen und amerikanischen Charts seit den Beatles komplett rauf und runter.
Der hat es drauf, dachte sie, doch so plump brauchte er sich bei seinem dankbaren Inselpublikum nicht anzubiedern. Das hatte er nicht nötig bei seinem sicheren Gespür für Ohrwürmer und simple Songs, die ihm lagen und für ihn einigermaßen singbar waren, ohne dass er Gefahr lief, sein begrenztes Stimmvolumen und seine affektiert kitschigen, leicht schmalzigen Gesangskünste zu überfordern. Eben doch nur ein Schlagersänger, fand sie, Aber die Band war nicht schlecht, die Musiker trafen nicht bloß die Töne. Bei einigen Stücken, die zu ihren vielen Lieblingssongs gehörten, interpretierten und variierten die Musiker recht gekonnt und setzten eigene Akzente.
Es gefiel ihr, wie der Sänger jetzt Neil Youngs Heart of Gold anstimmte, die phantastischen Mundharmonikaakorde des jungen Kanadiers und seinen unverwechselbaren Gesang fast perfekt imitierte. Neil hatte viele phantastische Stücke geschrieben, doch Heart of Gold auf der LP Harvest von 1972, auf der auch das eindrucksvolle A Man Needs A Maid drauf war, blieb sein größter kommerzieller Erfolg.
Damals hatten Günter und sie sich kennengelernt. A Man Needs A Maid. Sie lachte im Stillen über den simplen Text. Essen kochen und das Haus sauber halten, das hatte sie mit der Trennung von Günter glücklicherweise hinter sich gebracht. Sie fragte sich, ob diese Rollenverteilung damals auch in Hippiekreisen gegolten hatte. Alles vorbei und lange her, wozu in der Vergangenheit kramen. Doch den Song hatte sie in bester Erinnerung. Bombastisch und wunderschön das Sinfonieorchester zusammen mit Neils hoher Stimme, und auch das eingängige Old Man zählte sie zu ihren Lieblingssongs.
Old man, so lange her, nickte sie noch einmal. Neil hatte damals Charisma gehabt, ein interessanter Typ. Inzwischen war er heftig gealtert, hatte in vielen Formationen gespielt, hatte herumexperimentiert, war als Musiker innovativ, mitunter bahnbrechend gewesen. Immer war der alte Hippie authentisch geblieben. Unter seinen Fans waren Frauen eher in der Minderheit.
1972, das Jahr, in dem sie mit Günter zusammengezogen war. Gegen den Willen ihrer Eltern hatten sie .geheiratet. Nach über dreißig Jahren, nachdem die Kinder längst aus dem Haus waren, die Trennung.
Old Man, old woman, dachte sie, irgendwie passt das zu mir. Dabei fühle ich mich noch nicht alt., Auch nicht zu alt, um mich noch einmal zu binden. Allerdings hatte sie nicht vor, die neu gewonnene Selbständigkeit und Unabhängigkeit einfach aufzugeben und leichtfertig aufs Spiel zu setzen.
Searching for a heart of gold… and I’m getting old. Die schlichten Textzeilen gingen ihr nicht aus dem Sinn. Dürftige, reichlich kitschige Zeilen. Der eingängige Rhythmus, die feinen Melodiebögen, Youngs Gesangsstil, seine Mundharmonika und sein einzigartiges Gitarrenspiel hatten daraus einen wunderschönen Song gemacht. Sie zählte eine Reihe von Neils Stücken zu ihren persönlichen Favoriten und hoffte, dass die Band im Pavillon noch das eine oder andere von ihm bringen würde.
Wahrscheinlich ist außer Heart of Gold keiner davon massenkompatibel und bekannt genug, überlegte sie enttäuscht, denn auch gestern Abend hatte er nur das eine Stück gebracht und war gleich anschließend zu drei größeren Blöcken mit Songs von Phil Collins, Sting und Roy Orbison übergegangen, Ohrwürmer und Hitparadenkracher aus alter Zeit.
Das Publikum war begeistert mitgegangen, sie hatte sich entspannt zurückgelehnt, hatte sich berieseln lassen und die Songs längst vergangener Tage leise mitgesummt.
Sie hatte sich immer für Musik interessiert, kannte sich aus, kannte eine Menge Songs und hatte, wie gemeinsame Freunde immer wieder lobten und hervorhoben, auch jede Menge Talent. Allzu gern hätte sie in einer Band oder zumindest in einem Chor mitgemacht, doch Günter war immer ausgesprochen pragmatisch und nüchtern gewesen, hatte sie ausgebremst und ihr diese brotlose Kunst, wie er es nannte, erfolgreich ausgeredet.
Dann kamen die Kinder, Günter war in seinem Beruf aufgegangen und immer erfolgreicher gewesen. Sie hatte ihm den Rücken frei gehalten, sich um Haushalt und Kinder gekümmert und ihre musikalischen Neigungen und Ambitionen allmählich vergessen. Jedenfalls bis zu ihrer Trennung, da hatte sie, als die Scheidung vollzogen war, spontan auf der Straße aus vollem Hals das alte Stück der Who aus Thommy herausgebrüllt I’m Free, und lautstark wiederholt I’m Free, bis sie fand, dass ihr Gesang und der von Roger Daltry absolut identisch waren.
I’m Free, einfacher ließ es sich nicht sagen, und nun saß sie nach einem Tag wie aus dem Bilderbuch hier auf der Bank vor dem Strandpavillon und hörte dem Schmalzsänger und seiner Combo zu wie sie die Stücke von Sting und Phil Collins interpretierten, aber auch ein wenig Roy Orbison, der damals gar nicht schlecht gewesen war.
Pretty Woman, das hatte immer noch was, doch auch sein viel späteres Handle with Care mit den Travelling Willburys ging ihr immer noch runter wie Sahne. Ein perfekter Tag, langsam senkte sich die Sonnenscheibe über dem Meer, der Wind wehte sanft aus West-Nordwest. Handle with Care, daran hatten Günter und sie sich zu selten gehalten. Sie hatten es erst bemerkt, als es längst zu spät war, zwangsläufig war es zur Trennung gekommen.
Den älteren Mann, der plötzlich neben ihrer Bank stand, hatte sie zunächst nicht bemerkt, da sie in Gedanken versunken Zeile für Zeile des uralten Norwegian Wood von den Beatles leise mitgesungen hatte.
Ist der Platz noch frei, hatte er höflich gefragt, darf ich mich ein wenig zu ihnen setzen? Natürlich, hatte sie mit großzügiger Geste genickt und weiter der albernen Band gelauscht. Der leichte Wind stand von Westnordwest und trieb die nur zu gut bekannten Musikfetzen ideal herüber.
Ein Tag wie aus dem Bilderbuch.
Sie wusste, dass sie immer noch eine attraktive Frau war. Die paar zusätzlichen Pfunde standen ihr gut zu Gesicht. Sie musste schmunzeln. Zu Gesicht war wenig aussagekräftig. Eher zu Busen und Po, Waden und Bauch. Aber es passte zu ihr, sie fühlte sich wohl. Und nach wie vor fühlte sie die anerkennenden, mitunter bewundernden Blicke mancher Männer.
Der glutrote Sonnenball senkte sich ins Meer, die Band spielte einen Hit nach dem anderen. Eric Burdens San Franciscan Nights perlte herüber, das Gefühl ewigen Sommers, das Gefühl ewiger Jugend. Sie wippte mit dem Fuß, wiegte den Kopf, schwelgte in Erinnerungen. Die Sonne zauberte letzte Lichteffekte, glutrote Funken ins Meer und darüber, letzte Reflexe, die rotviolette Sichel wurde schmaler, verglühte allmählich und markierte perfekt noch einmal den Horizont, die schmale Linie zwischen dunklem Himmel und dunklem Meer.
Reichlich kitschig, so ein Sonnenuntergang, wie sie jedes mal fand, doch irgendwie auch schön. Die Band im Strandpavillon hatten Sound und Tempo diesmal nicht im Griff und spielte leicht daneben irgendetwas von den Stones. Obwohl sie nur jeden zweiten Ton trafen, gingen die Jungs voll ab, ein wenig zu laut, ein wenig zu schrill, wie sie fand.
Ein paar Wölkchen trieben langsam Richtung Land, die Sonnensichel glühte von Minute zu Minute dunkler und schwächer. Die Farben wechselten von Orange nach Dunkelrot und Blauviolett, bevor sie im Meer verschwand.
Der Mann neben ihr auf der Bank setzte sich den Rucksack behutsam auf die Knie, hielt ihn eng umklammert, schaute ganz kurz, ein wenig verzagt, wie ihr schien, zu ihr herüber.
„Meine Frau“, sagte er leise, der Wind trug seine Worte zu ihr herüber. Sie nickte mechanisch. Hätte sie ihm antworten wollen, hätte sie gegen Wind und Musik anschreien müssen.
„Meine Frau“, begann er noch einmal, „meine Frau hat die Insel geliebt, das Meer, das Watt, den Wind, den Sonnenuntergang“. Er öffnete den Rucksack auf seinen Knien, sie nickte erneut. Um nicht unhöflich zu wirken, wendete sie sich kurz zu ihm, schenkte ihm einen flüchtigen Blick.
In dem abgeschabten Rucksack befand sich so etwas wie ein Turnbeutel, stellte sie fest, wie sie ihn von ihrem Sohn in Erinnerung hatte, ein graublauer Stoffbeutel mit einem Schnürverschluss, ein fest zugeknotetes Bändchen, das der Mann vorsichtig öffnete.
„Meine Frau“, wiederholte er monoton, löste den Knoten, schob den Leinenbeutel herunter und strich mit den Händen vorsichtig über eine metallisch glänzende Dose. Keine Proviant-, Kaffee- oder Konservendose, wie sie im ersten Moment vermutet hatte. Sie schüttelte verwundert den Kopf. Er strich tatsächlich über eine Urne, zog sie ein Stück aus dem Stoffbeutel, damit sie sie besser betrachten konnte.
„Sie hat das Meer geliebt“, er sprach leise, mehr zu sich als zu ihr. „Das Meer, die Insel, die Dünen, die Sandbänke, die salzige Luft. Sie hat sich wohl gefühlt hier, nun soll sie hier bleiben. Es ist der richtige Ort“. Fast zärtlich, so schien es, strichen seine Hände über den Metalldeckel. Er schon die Urne vorsichtig zurück in den Stoffbeutel. „Es ist der richtige Ort, sie hat ihn geliebt“. Der Mann zog den Beutel wieder zu, verknotete die Schnur, schloss den Rucksack.
Sie nickte mechanisch, war froh, dass sie nicht antworten musste, froh, dass der Wind in ihre Richtung stand und die Coverband das Stück der Stones so laut intonierte. Sie brauchte nur höflich zu nicken, der Wind hätte ihre Worte ohnehin davon getragen, der Mann hätte sie eh nicht verstanden, es sei denn, sie hätte laut geschrien.
Die Asche der Frau im Rucksack, sie fasste es nicht. Mit der Urne aufs Schiff und auf die Insel, darauf musste man erst einmal kommen.
„Ich habe sie geliebt, es war ihr letzter Wunsch. Morgen fahren wir raus zu den Seehundsbänken, ein letztes Mal. Es war eine ihrer Lieblingsstellen. Ich habe alles organisiert, ein Krabbenfischer nimmt uns mit. Wenn sie Lust haben, können sie gerne mitkommen“.
Sie schüttelte den Kopf, auch wenn sie gewollte hätte, ihr fehlten die Worte, diesmal hätte sie ihm nicht antworten können. Ein wildfremder Mann mit einer Urne im Rucksack. Eine Seebestattung, und sie sollte mit. Vor wenigen Minuten erst hatte sich der Mann neben sie gesetzt, ihr aus heiterem Abendhimmel die Urne präsentiert und von nichts anderem gesprochen, als dass er seine Frau geliebt habe und seine Frau offenbar diese Insel.
Zurückhaltung sieht anders aus, dachte sie im ersten Moment. Dabei wollte er mich bestimmt nicht auf plumpe Art anbaggern. Die Urne und das ständige Reden über die Verstorbene wäre in ihren Augen wirklich die ungeschickteste Masche gewesen. Er wirkte recht sympathisch, trotz seines entsetzlichen Monologes sogar höflich. Fast scheu und schüchtern und nicht so aufdringlich, wie sie es im ersten Augenblick empfunden hatte. Er hat den Tod seiner Frau überhaupt noch nicht verarbeitet, überlegte sie, deshalb musste er mir den Rucksack zeigen, so viel von ihr erzählen.
Der Mann sah sie an. „Kommen sie doch mit uns mit. Ich weiß gar nicht, ob ich es ganz allein schaffe. Der Krabbenfischer, der uns hinausfährt, hat bestimmt nichts dagegen, wenn sie mitkommen“, wiederholte er.
Uns, mit uns, klingelte es in ihren Ohren. Sie schüttelte unwillig und leicht schockiert den Kopf. Was der Kerl sich einbildete, es durfte nicht wahr sein. Uns, damit ist ja wohl seine Frau gemeint, besser ihre sterblichen Überreste, das bisschen Asche in der Urne. Sie wollte aufstehen, sich abwenden, diesen Ort schleunigst verlassen. Weg von diesem Mann, seiner Aufdringlichkeit und plumpen Vertraulichkeit. Mit uns, wiederholte sie im Stillen. Der Kerl hat die Asche seiner verstorbenen Frau im Rücksack, quatscht in einer Tour und versucht mich anzumachen. Ich fasse es nicht. Sie erhob sich.
„Sie haben es geschafft, die Asche ihrer Frau auf die Insel zu bringen. Dann schaffen sie die letzte Fahrt auch, sagte sie. Außerdem, allein sind sie ja nicht. Sie haben die Asche. Und der Krabbenfischer ist ebenfalls mit an Bord“.
Er ließ nicht locker, redete weiter auf sie ein.
„Ich bleibe nur zwei Tage auf der Insel, dann fahre ich zurück, es ist noch vieles zu erledigen. Ich würde mich freuen, wenn sie morgen zu den Seehundsbänken mitfahren würden“.
Nun stand sie direkt vor ihm, sah ihm zum ersten Mal direkt ins Gesicht.
Er sah wirklich ganz sympathisch aus. So wie er sprach, so wirkte er nun auch auf sie, leise, irgendwie sensibel, leicht traurig, eher unscheinbar als draufgängerisch. Bei all seiner Redseligkeit, seiner vermeintlichen Aufdringlichkeit wirkte er zurückhaltend, fast introvertiert. Sie stellte sich vor, dass dies in seinem normalen Alltag, im Normalfall, seine wesentlichen Eigenschaften und positiven Merkmale waren.
Normalfall, musste sie lächeln, was heißt schon normal. Der Mann befindet sich in einer besonderen Situation, gewissermaßen im Ausnahmezustand.
Er ist gerade erst dabei, den Tod seiner Frau mühsam zu verarbeiten.
Übel wirkte er nicht. Purer Zufall, dass er ausgerechnet mich angesprochen hat. Er suchte eine Bank in der Abendsonne und der Platz war frei gewesen. Sie lächelte ihn an, hatte sie bisher doch nur zugehört und nichts erwidert. Sie wollte nicht unhöflich sein.
„Hören sie, ich kenne sie seit zehn Minuten, seit sie mit ihrem Rucksack neben mir auf der Bank sitzen. Ich kenne nicht einmal ihren Namen. Zur Seebestattung ihrer Frau komme ich auf keinen Fall mit. Das ist eine Sache zwischen ihnen und ihr, es ist ihre letzte Fahrt. Der letzte Dienst, den sie ihr erweisen können. Dabei wäre ich mehr als nur im Wege, dabei wäre ich ein unerhörter Störfaktor“.
„Außerdem…“, sie musste erneut lächeln, als ihr diese spontane Ausrede einfiel, schließlich wollte sie nicht unhöflich sein und übertrieben abweisend wirken. „Außerdem, nehmen sie es mir bitte nicht übel, die Fahrt auf einem schwankenden Kutter würde ich nicht vertragen. Ich würde sofort seekrank werden, das wäre fürchterlich für uns beide“. Sie sah ihn noch einmal an. Er wirkte enttäuscht über ihre Absage, und in seiner Enttäuschung wirkte er noch sympathischer auf sie.
„Nehmen sie es mir nicht übel“, fuhr sie fort, „das ist ausschließlich eine Sache zwischen ihnen und ihrer Frau. Ihre ganz persönliche Sache, ein letzter Liebesdienst, den sie ihr erweisen können. Sie haben mir erzählt, dass sie das Meer mochte, dass es ihr letzter Wunsch war. Es ist besser, wenn sie es allein hinter sich bringen. Übrigens, ich bleibe ebenfalls nur noch zwei Tage. Bestimmt laufen wir uns noch mal über den Weg, so groß ist die Insel ja nicht. Vielleicht will es der Zufall auch, und wir fahren mit derselben Fähre zurück“.
Sie wusste nicht, warum sie plötzlich so offen und mitteilsam war. So war sie sonst nicht. Der Mann wirkte sympathisch, nicht bloß in seiner Trauer, in Hilflosigkeit und Enttäuschung über ihre Absage.
„Vielleicht sehen wir uns vor der Abreise noch auf der Insel, wenn sie von den Sandbänken zurück sind, oder während der Rückfahrt auf der Fähre“. Sie zog einen zerknitterten Zettel und einen Stift aus ihrer Tasche. „Ich gebe ihnen trotzdem schon einmal meine Telefonnummer und Adresse. Ich würde mich freuen, wenn sie sich bei mir melden“.
Er bedankte sich, faltete ihren Zettel sorgfältig zusammen und steckte ihn in sein Portemonnaie.
„Das werde ich bestimmt“, lächelte er. „Bitte verstehen sie mich nicht falsch. Natürlich haben sie Recht. Die letzte Fahrt meiner Frau ist nicht die passende Gelegenheit. Wann gibt es die schon? Als ich sie vorhin auf der Bank sitzen sah, war mir sofort klar, dass diese Gelegenheit nicht wiederkommt. Ich durfte sie mir nicht entgehen lassen. Also auf bald, ich freue mich ebenfalls“.

Aus: Gerd Puls, Lass es Liebe sein, Erzählungen, Bochum 2014

 


 

 Gut gebettet

eck3Warum soll er ständig in Urlaub fahren, fragt sich Eberhard.
Hier hat er es gemütlich, findet er, fast idyllisch trotz jeder Menge lärmender Autobahnen, Logistikzentren und der Einflugschneise des Regionalflughafens wenige Meter hinter dem Garten. Hier ist sein Zuhause, hier fühlt er sich wohl.
Will er mal weg, hat er jede Menge Möglichkeiten. Ruhrgebiet, Münsterland und Sauerland, immer nur ein Katzensprung. Er liebt das Meer, an die Nordsee kommt er in zwei Stunden. Bei einem Strandspaziergang kann er prima entspannen, doch das gelingt ihm genauso gut in seinem Garten neben der Industriebrache.
Und nun soll es ausgerechnet diese von der Stadtverwaltung organisierte Busreise sein mit Bürgermeister, Beigeordneten, Kulturausschuss- und Fraktionsvorsitzenden. Geruhsamer Individualurlaub war viel eher sein Ding als organisierter geregelter Massentourismus. Man könne es ja mal versuchen, hatte Katharina gemeint. Er hatte keine Einwände gehabt und zugestimmt.
Über diese Reise würde seine Frau bestimmt nicht für ihre Zeitschrift schreiben, hofft er. Zum Glück sitzt er mit ihr, einem befreundeten gleichaltrigen Ehepaar und weiteren vierunddreißig Städtepartnerschaftsbemühten im zweiten, also nicht im Bürgermeisterbus. Doch auch in ihrem Reisebus geht es bald nach der Abfahrt aus ihrer beschaulichen Kleinstadt ziemlich hoch her.
Kaum auf der Autobahn kreisen diverse Schnapsflaschen, immer wieder zischt ein Bier oder werden knackige Mininettwürstchen und Durst machende Salamistückchen durch den Gang gereicht.
So geht es zügig Richtung Puttgarden, Eberhard freut sich die Ostsee zu sehen. Das halbe Stündchen, in dem die Fähre übersetzt, bleibt er auf dem Oberdeck. Frische Münsterländer-, Sauerländer- und Ostwestfalenluft, schön und gut. Er genießt die leichte Meeresbrise.
Noch das kurze Stück bis Kopenhagen und er wuchtet bei über 30 Grad Außentemperatur Katharinas und seinen Koffer auf den Gehweg vor dem Stadthotel. Zimmerschlüssel werden verteilt, der Fahrstuhl befördert das Ehepaar unter das Dach. Klar, zwei Busse machen rund 80 Reisende und ebenso viele Hotelgäste, die es unterzubringen gilt.
Sie bekommen das letzte winzige Zimmer unter der Dachschräge. Tropische, stickige Luft schlägt ihnen entgegen. Ein Backofen im Vergleich zur Außentemperatur. Eberhard reißt die Hemdenknöpfe auf, 45 Grad oder mehr dürften es sein. Das Dachgaubenfenster ist winzig und lässt sich nur einen Spalt weit öffnen, so dass es mit dringend nötigem Luftaustausch in dieser Nacht kaum klappen wird.
Und dann das Bett. Eberhard bekommt den nächsten Schweißausbruch. Es ist gerade 90 Zentimeter breit. Wenn sie zu zweit darin schlafen, bekommen sie Beklemmungen, Platzangst und Schwitzattacken.
An Schlaf wird nicht zu denken sein, Katharina verdreht die Augen. Es stellt sich die Frage, wer wen zuerst aus dem Bett schubsen wird. Oder sie kleben für alle Ewigkeit aneinander und kommen nie mehr von einander los. Das Zustellbett, ein zusammenklappbares Drahtgestell, raffiniert in die letzte Lücke zwischen Wand und Bett gequetscht, ist noch schmaler als das schmale Einzelbett. Die dünne Auflage verdient nicht die Bezeichnung Matratze, seine Gartenliege zu Hause ist deutlich komfortabler. Katharina zuliebe wird Eberhard das Notbett nehmen.
Ihre Bekannten auf der anderen Flurseite haben es nicht besser getroffen, ihr Zimmer ist eher noch winziger und kein bisschen kühler. Also wollen sie nicht klagen und sich für die kommenden zwei Nächte einrichten so gut es geht. Natürlich nehme ich die Liege, bleibt Eberhard beharrlich, als Katharina ihm das Bett überlassen will. Dann geht es für ein paar Stunden in den Tivoli, und am späten Abend gibt es doch noch ein wenig Abkühlung und frische Luft.
Zurück im Hotel ist dieses Gefühl auf ihrem Zimmerchen unter dem immer noch sengend heißen Dach abrupt verflogen. Wenn er sich vorsichtig umdreht, hat Eberhard Angst von der Liege zu fallen. Zur Sicherheit schiebt er ein Tischchen davor, auf dem aufgeklappt ihr Koffer liegt. Dann duckt er sich tief, klettert über einen Stuhl und schiebt sich vom Fußende horizontal und akrobatisch zugleich zwischen Dachschräge und Koffertisch auf seine schmale klapprige Notliege.
Sie wälzen sich hin und her, bekommen – wie zu erwarten – kein Auge zu, stattdessen die befürchtete Platzangst und immer neue Schweißausbrüche. Abwechselnd und in immer kürzeren Intervallen schleppen sie sich zum Fenster, um etwas kühlere Luft zu schnappen. An Schlaf ist nicht zu denken, ihre Morgenlaune nicht wirklich urlaubsangemessen. Während Eberhard sich gähnend Stirn und Rücken reibt, zeigt Katharina ziemliches Mitleid mit seiner Schlafsituation. Da schläfst du mir keine weitere Nacht, zumindest werden wir tauschen!
Beim Frühstück betont der Bürgermeister, ein ausgesprochen schönes Zimmer zu haben, was beide nicht fröhlicher stimmt. Katharina kaut stumm und nachdenklich ihr Brötchen, nimmt einen letzten Schluck Kaffee, schiebt energisch ihren Stuhl zurück. Lächelnd begibt sie sich zur Rezeption, spricht ein paar freundliche Worte und kehrt lächelnd zurück.
Kurz darauf ziehen sie um in eine besonders schöne, klimatisierte großzügige Luxussuite mit feinem Bad, gemütlicher Sesselgruppe und vor allem einem wunderhübschen riesigen und folglich höchst bequemem Himmelbett, das sie dankbar zu würdigen wissen und angemessen genießen werden. Wie gut, dass ich meine Liebste habe, freut sich Eberhard. So lässt sich jede Städtereise aushalten und gewiss die zweite Nacht in diesem Hotel.
Alles Weitere ist halb so schlimm, in den nächsten Unterkünften entsprechen die Zimmer allgemeinem Standard, sie finden es nicht schlechter vor als der Rest der Reisegruppe einschließlich des Bürgermeisters.
Das schwedische Partnerschaftsstädtchen liegt idyllisch, versprüht putzigen Pippi-Langstrumpf-Charme, hat etwas von Bullerbüh und Saltkrokan zusammen. Er fühlt sich prächtig. Beschaulich Bötchen fahren auf der Rhönne und segeln auf dem Belt könnte er stunden- und tagelang. Stockholm gefällt besonders Katharina, und Eberhard gibt neidlos zu, dass es auch woanders schön ist, nicht nur in seinem Westfalen, seiner Kleinstadt und seinem noch kleineren Gärtchen. Katharina beschließt, dass es nicht ihr letzter Skandinavienaufenthalt bleiben soll.
Das Ziel der nächsten Partnerschaftsreise ist Frankreich, entnehmen sie dem freundlichen Anschreiben der Stadtverwaltung. Wieder sind sie dabei, sitzen gemütlich im zweiten Bus und teilen die Meinung, dass es auch diesmal eher Anregungen für kommende Urlaube geben könnte als Gründe zum Meckern.
Jahre zuvor hat Eberhard in Paris schon einfacher und schlichter gewohnt als diesmal in dem aktuellen, arg verstaubten renovierungsbedürftigen Hotel am Montmartre. So schlecht, wie du es machst, ist es jedenfalls nicht, lächelt Katharina. Außerdem, was spielt das groß für eine Rolle, Paris bleibt Paris, die Stadt der Liebe. Die Dessous-Werbung auf den Plakatwänden findest du jedenfalls ausgesprochen interessant. Da will er nicht widersprechen.
Dass sich Katharina zwischendurch in einer Boutique rasch ein paar Teilchen dieser französischen Modekleinigkeiten zeigen lässt und spontan kauft, bekommt er natürlich nicht mit. Dafür ist seine Reisegruppe einfach zu anstrengend und nervig.
Das schöne Hotel im belgischen Brügge hat beide immerhin auf die Idee gebracht, hier einmal richtig Radfahrurlaub zu machen und nicht nur an Rhein, Ems und Weser.
Bald erreichen sie die französische Partnergemeinde, auch hier rechtzeitig zum Stadtfest wie im Vorjahr in Schweden. Allerdings nicht ganz so niedlich-putzig, findet Eberhard, dafür müssen ihre französischen Gastgeber die Getränke auch nicht mühsam mit der Fähre aus Deutschland herbeischaffen. Doch das spielt bei den Städtepartnerschaftsreisen seiner westfälischen Kleinstadt eh eine untergeordnete Rolle.
Im Kofferraum ihrer Reisebusse ist auf jeder Schweden-, Frankreich- oder Polenfahrt Platz für reichlich westfälisches Pils und Korn. Zum besonderen Anlass der angesteuerten Stadt- und Partnerschaftsfeste wird jeweils ein mächtiges Fass Sauerländer Pils aus dem Bus gerollt und an die mitgebrachte Zapfanlage angeschlossen. Dann heißt es, hoch die Pappbecher und Plexigläser, wäre doch gelacht, wenn wir Westfalen nicht mithalten könnten. Besonders Katharina kann da nur staunen.
Dass auf der Rückfahrt von irgendeiner Sehenswürdigkeit oder vom Partnerschaftsfest jedesmal jemand in den Bus kotzt, gehört dazu, ist niemandem peinlich. Am nächsten Tag bei der nächsten Rast werden schon wieder die Kofferraumklappen hochgestellt und aus den Tiefen des Busses die nächsten mitgeführten Reservefläschchen und Bierkästen für den nächsten gemeinsamen Umtrunk hervorgeholt.
Danach muss zügig die nächste Unterkunft angesteuert und gefunden werden, was sich in ihrem Frankreichfall als etwas schwierig erweist und bei Katharina sofort Erinnerungen an ihr Kopenhagener Stadthotel heraufbeschwört. Obwohl, hier sind sie im wahrsten Sinne auf dem Land, mitten im Grünen sozusagen. Es ist nicht übermäßig heiß, ihr winziges Zimmer liegt auch nicht unter dem Dach im fünften Stock. Sie haben diesmal sogar mehrere Zimmer: Schlafkammer, Nasszelle, Küchenecke und Wohnbereich. Katharina und Eberhard ziehen in einen eigenen kleinen Bungalow.
Der liegt in einer weiträumigen Park- und Freizeitanlage und hat schon bessere Zeiten gesehen. Eindeutig, dass der Sauerstoff die Räume schon vor Jahren verlassen hat. Alle Türen sind leicht angefault, das fensterlose Bad lässt sich nicht lüften, der Wasserhahn tropft gewaltig, den hat man bestimmt extra flott gemacht ihnen zu Ehren, vermuten sie. Wann hat hier zuletzt jemand übernachtet?
Ein Hauch von Urin liegt in der Luft. Keine Ecke, keine Wand, keine Decke ohne großflächigen Schimmelbefall, entsprechend müffelt es. Besonders ärgerlich, dass sie hier, wie in Kopenhagen, wieder zwei Nächte bleiben sollen und abermals von allen Teilnehmern die eindeutig schlechteste Unterkunft erwischt haben. Sorgenvoll, mit wachsendem Ekel prüft Eberhard das offensichtlich milbenverseuchte Bett.
Das Kopenhagener Hotel war lediglich ausgebucht, zumindest gut belegt, wird ihm klar. Ihre schöne Suite hatte man gewiss in Reserve gehalten für Notfälle, für Skandinavier, nicht unbedingt für gruppenreisende Westfalen, und Katharina hatte doch alles wunderbar zum Besten gewendet.
Dennoch drängten sich Parallelen auf: warum trifft es jedes Mal ausgerechnet sie? Soll das ganze als Abschreckung dienen, damit sie beim nächsten Mal nicht mehr mitfahren? Es könnte sein, überlegt Eberhard. Vielleicht weil Katharina bei den ritualisiert fröhlichen Busbesäufnissen jedes Mal höflich ablehnt, er selbst nicht besonders gesprächig ist und sich nicht gerade als fröhliche Feierkanone gebärdet.
Passiert ihnen das, weil man lieber unter sich bleiben möchte, fragt er sich, weil man den Insiderkreis aus Bier-, Schnaps- und Würstchenliebhabern nicht unnötig erweitert und gestört sehen will? Sind sie womöglich zu westfälisch stur und zurückhaltend? Oder sehen sich Mitbewohner und Businsassen einschließlich Bürgermeister ihnen gegenüber zu Distanz und vorsichtiger Zurückhaltung veranlasst, weil sie beide nicht parteigebunden sind? Oder weil sie fürchten, Katharina als bekannte Journalistin einer überregionalen Zeitschrift könne eventuell eine Glosse über westfälische Rituale und Trinkgewohnheiten schreiben?
Solche Gedanken drängen sich auf, hatte er in der Vergangenheit doch hin und wieder den Eindruck gehabt, dass Mehrheitsfraktion und Opposition seiner westfälischen Kleinstadt ihnen gegenüber einige Berührungsängste und Vorbehalte pflegten. Andererseits sollen für die Bürgerreisen ihrer liebenswerten Kleinstadt jeweils zwei Busse gefüllt werden, und Eberhard neigt leicht zu einseitiger Sichtweise und maßloser Übertreibung. Also alles halb so wild, schön lässig bleiben, beruhigt er sich. Wir haben uns darauf eingelassen, nun heißt es gute Miene machen. Reiner Zufall, bloß Pech, ihre Unterkunft entspricht einfach üblichem Standard bei Partnerschafts-Städtereisen.
Auch wenn es gilt, kulinarische Schlachten am Büffet zu schlagen, eilt seiner Kleinstadt der Ruf voraus: Die sind sich vor nix schäbbich! Das weiß er auch als Laie. Er sollte zufrieden sein, keine dicke Backe riskieren, besser westfälische Bescheidenheit zeigen. Nicht aus der Reihe tanzen, bloß nicht schon wieder unangenehm auffallen.
Also findet sich Eberhard ab mit seiner Schimmelbaracke, lüftet den angefaulten Bungalow gründlich durch, besorgt eine ordentliche Flasche Wein plus Korkenzieher und Gläsern. Dann stellt er zwei Stühle vor die Haustür und setzt sich nach dem Abendessen vor seiner Bungalow-Baracke in die untergehende Sonne. Wo nur Katharina bleibt? Frauen eben! Er wollte doch anstoßen mit ihr. Darauf, dass sie die kommende Nacht und die nächste in diesem lausigen Loch schon schaffen würden! Man gewöhnt sich an vieles. Sie hätten ja nicht mitfahren müssen!
Prompt spazieren ein paar Mitreisende vorbei, um ihre Kommentare abzuliefern. Hier wohnen sie also? Das ist ja hübsch! So idyllisch! Oder eher ein wenig spartanisch. Dürfen wir mal sehen? Wir haben wieder so ein schönes Zimmer! Ist ihre Frau nicht da?
Davon wird Eberhards Laune nicht besser. Ob ein Fläschchen Wein reicht, sich die Nacht schön zu trinken und zu überstehen? Nein, meine Frau ist gerade unterwegs, keine Ahnung, wo sie steckt.
Als Katharina zurückkommt, hat sie einfach nur gute Laune. Nimm deinen Koffer und die Flasche Wein, wir ziehen um!
Dabei hat er gerade resigniert und sich abgefunden mit der muffig feuchten Behausung. Immer diese Umstände, denkt er kurz, und schon zieht er seinen Koffer unter den wachsamen Augen der Mitreisenden hinter Katharina her über die geschwungenen Wege der Anlage. Das ewige Hin und Her, wo sie ohnehin in so vielen Hotels schlafen müssen!
Doch auch diesmal bereut er den Umzug nicht. Noch besser als in Kopenhagen, kommt es ihm in den Sinn. Keine einzige Nacht in dem versifften Schuppen! Wie Katharina das wieder geschafft hat. Wer weiß, ob sie überhaupt ein Auge zu bekommen hätten. Wer weiß, ob sie nicht gesundheitliche Schäden davongetragen hätten? Er wird sich heute Abend vor dem Einschlafen angemessen bei seiner Frau bedanken müssen.
So ziehen sie auch diesmal um, und Eberhard staunt, welch reizende Unterwäsche Katharina plötzlich trägt. Er kann sich nicht erinnern, dass sie die in den Koffer gepackt oder dass er die hübschen Teile schon mal an ihr gesehen hat. Das sind doch die Dessous, die ihm gestern auf den Plakaten vor der Metro immer wieder ins Auge gesprungen sind. Katharina gefällt ihm ausgesprochen gut darin, gibt er gerne zu.
So dauert es heute eine Weile, bis sie, ein wenig ermattet, aber völlig entspannt, herrlich schlafen können in ihrem klimatisierten und vor allem schimmelfreien Zimmer im neuen Hauptgebäude, in dem die übrigen Mitreisenden längst einen akzeptablen Schlafplatz gefunden haben. Kein Vergleich zur alten Bruchbude, findet Eberhard kurz vor dem Einschlafen. Was die Qualität der Zimmer betrifft, verfügt die Ferien- und Freizeitanlage wirklich über ein breites Spektrum. Er kann Katharina nur dankbar sein.
Sein Frühstück schmeckt ihm vorzüglich, wenngleich nicht westfälisch, sondern französisch, und er beschließt, die Städtepartnerschaftsfahrten seiner Heimatstadt wärmstens weiterzuempfehlen. Egal wohin es gehen würde, in die Türkei, nach Polen, Israel oder sonst wohin. Mit der kleinen Einschränkung vielleicht, dass weibliche Mitreisende nach Möglichkeit über Katharinas Format und Durchsetzungsvermögen verfügen sollten. Wenn Männer wie Eberhard mal nicht in der Lage waren, Verantwortung zu übernehmen, aktiv zu werden und die Initiative zu ergreifen, auf Frauen wie Katharina war Verlass.

Aus: Gerd Puls, Beste Aussicht, Westfälische Grüße, Ein Lesebuch Bochum 2014

 


 

 Dünnes Eis und schwarzes Gold

eck3Spielmöglichkeiten hatten wir reichlich.
Auch im Winter.
Ständig im Haus zu sitzen, wäre uns nicht in den Sinne gekommen. Da musste das Wetter schon ganz unmöglich sein. Einige Familien hatten zwar schon Fernsehgeräte, und es gab ein einziges Programm, das meist nach fünf begann, wenn es längst dunkel war. Die abenteuerlichste Fernsehsendung aber war nichts gegen unsere Spiele und Abenteuer auf den Feldern vor dem Dorf, im Wäldchen, an der Zechenbahn, in der alten Ziegelei, in den im Winter ruhenden Bau-stellen der neuen Siedlung oder gar in den Ruinen der riesigen Kaserne, die nach den Bomben-angriffen stehen geblieben war.
Wenn es tüchtig gefroren hatte, was damals regelmäßig vorkam, hatten wir die Auswahl, auf welcher Eisfläche wir uns tummeln wollten, Jüppi, Werner, Pirak, Annette und ich.
Die breiten Gräben entlang der Zechenbahn sind zugefroren, rief Jüppi von weitem als wir uns trafen, und wir suchten nach abgelegten Spazierstöcken unserer Großväter, nach passend geformten Ästen und spielten Eishockey oder legten Schlinderbahnen an. Einmal brach ich ins Eis ein, fing augenblicklich an zu schnattern, fror erbärmlich und stank zudem ganz außerordentlich: wir hatten nicht bedacht, dass in den Graben ein übel riechender Abwasserkanal eingeleitet wurde, der das Wasser so stark aufheizte, so dass es an einigen Stellen nicht anständig zufrieren konnte.
Das tat unserem winterlichen Eisvergnügen keinen Abbruch: am nächsten Tag hatte Annette die Idee, etwas weiter zu den überfluteten Feldern zu ziehen, mit ihren Schlittschuhen, die sie von ihrer großen Schwester geerbt hatte und die sie sich nun unterschnallen wollte. Auf den Feldern hatte das Wasser schon viele Wochen gestanden. Eine Bodensenkung als Folge des Kohle-abbaus hatte diesen künstlichen flachen See geschaffen, auf dem wir gefahrlos laufen konnten. Wenn wir da mal einbrachen, war es nicht tief, dreißig, vierzig Zentimeter, da würde keiner ertrinken. Die Bodensenkung war beliebt, auch bei den Kindern aus dem Nachbardorf Es herrschte ziemliches Gedränge und nach einiger Zeit hatten wir genug. Wir beschlossen, die nächste Eisfläche zu erkunden und für unsere Spiele zu nutzen.
Die Gräfte rings um das Schloss sollte es sein.
Schloss war ein bisschen hochtrabend für das große alte Haus mit dem dicken Turm, das da auf Eichenpfählen im Wasser stand. Doch der Burggraben war echt, eine schmale Brücke führte hinüber ins Herrenhaus, und darin, wussten wir, wohnte der Graf. Obwohl wir nicht sicher waren ob Graf, Baron, Freiherr oder sonstwas. Pirak machte gleich seinen alten Witz über “Graf Koks von der Gasanstalt”, dem der Kurfürst eine Zeche schenken wollte im Tausch gegen seine Tochter. Annette meinte, das seien wohl wirklich adelige “Von und Zu”, die da wohnten, ob nun Freiherr oder Baron, das spiele keine Rolle. Die heiraten ständig untereinander, wusste sie, da kann sich das schon mal ändern mit dem Titel und der Anrede. Außerdem sei der Graf heute zur Jagd in seinem Wäldchen mit einer richtigen Jagdgesellschaft und einer ganzen Meute von Treibern. Und die Gräfte sei schließlich echt, hätten wir ein richtiges Eisstadion, eine private Eisschnelllaufbahn sozusagen.
Als wir durch das äußere Schlosstor und den Hof gelangt waren lag der Schlossgraben vor uns, friedlich unter weißem Eis, und die Schwäne und Enten waren auf einer kleinen Insel, wo sie ein Häuschen hatten mit wärmendem Stroh.
Diesmal erwischte es Pirak, aus dem gleichen Grund wie es mich an der Zechenbahn erwischt hatte. Er war mit seinem Schlitten hinter Annette hergeflitzt, die richtig schnell war. Sie hatte prima die Kurve gekriegt und war elegant wie eine Eisschnellläuferin mit hinter dem Rücken verschränkten Armen unter dem Brückenbogen hindurchgezischt, und Pirak war mit seinem Schlitten und genauso hohem Tempo stur geradeaus genau auf die offen liegende Abwasser- Einlassstelle des Schlosses zugefahren, in die alles eingeleitet wurde und hineinplätscherte, was so in Küche, Badezimmer und Toiletten anfiel.
Der Schlitten rutschte unter die Eisdecke und von Pirak schauten nur noch Kopf, Schultern und Arme aus dem Wasser. Es gelang ihm, sich an dem Eisrand fest-zukrallen, doch als er sich ein Stück höher auf das rettende Eis ziehen wollte, brachen kleinere und größere Eisschollen unter seinem Gewicht und vergrößerten das Wasser-loch, in dem er steckte.
Wenn doch jetzt der Graf hier wäre, war mein erster Gedanke. Oder wenigstens der Baron, rief Werner und schrie laut um Hilfe. Doch Jüppi reagierte blitzschnell. Er war es, der am meisten von uns las, und die Idee, mit der er Pirak rettete, hatte er aus einem seiner Bücher. An der Wand eines Nebengebäudes hatte er eine Leiter gesehen. Komm, fass an, rief er, und wir schoben die Leiter über das Eis auf Pirak zu. Annette war nach dem Unglück einmal um das ganze Herrenhaus gefahren und half jetzt mit, Pirak aus dem Wasser ziehen.
Wir mussten durch das ganze Dorf, und er konnte in seinen nassen Sachen kaum laufen. Als wir in unsere Straße einbogen, sahen wir den Grafen und seine Jagdgesellschaft über die Felder kommen, auf einem Erntewagen lag eine Reihe toter Hasen und Fasane. Die Männer führten ihre Hunde und trugen grüne Jacken und Mäntel und Büchsen unter dem Arm und am Schulterriemen. Als sie uns sahen, lachten sie und meinten, Pirak müsse rasch ins Bett bevor er sich eine Erkältung hole.
Kurz vor seinem Haus haben ihm geholfen die nasse Jacke und die Hose auszuziehen, was nicht einfach war. Die Sachen waren in kurzer Zeit steifgefroren, und wir haben sie ihm ordentlich vor die Tür gestellt. Das sah komisch aus: eine Pirak-Vogelscheuche bloß ohne Pirak-Kopf. Den hätte er beinah verloren, meinte Jüppi, wenn ich nicht mit der Leiter gekommen wäre.
Am nächsten Tag fehlte Pirak. Hausarrest, meldete Annette. Weil der Schlitten futsch ist. Weil er keine trockenen Sachen hat. Weil er erkältet ist. Und wir hatten vom Eis die Nase erst einmal voll.
Nicht aber vom Schnee.
Und so wie die Teiche, Tümpel, Schlossgräben und die Felder zufroren, so schneite es damals auch regelmäßig, und das, was wir Kinder uns besonders wünschten, gab es manches Mal: weiße Weihnacht.
Auch diesmal wussten wir den rechtzeitig gefallenen Schnee für unsere Abenteuer zu nutzen, auch wenn uns Piraks Schlitten nicht mehr zur Verfügung stand, auch wenn wir aus dem Alter fürs Schneemannbauen langsam heraus waren, auch wenn wir Annette in unserem Iglu beinah wie unter einer Lawine begraben hätten. Das gute Stück war eingestürzt, Annette steckte tief in den Schneemassen und musste mühsam freige-schaufelt werden, war aber gleich wieder voller Tatendrang.
Lasst uns die Kohlenhalden runterrodeln, schlug sie vor. Da haben wir eine tolle Abfahrt. Fast wie im Sauerland, fast wie auf der Bobbahn in Winterberg. Das machen wir, rief ich begeistert.
Mir kamen die Kohlenberge entlang der Zechenbahn fast vor wie die Alpen, besonders jetzt, wo sie schneebedeckt wie weiß gezuckert vor der Haustür lagen. Was störte uns Kinder, dass die Zechen ihre Kohle auf Halde kippten, weil sie sie nicht verkaufen konnten, weil Kohle aus Übersee billiger war als die, die unsere Väter aus der Erde holten. Zugegeben, im Sommer sahen die schwarzen Berge nicht besonders einladend aus, aber heute waren die langen Stangen, die Sonden, die man hoch oben in die Halden gesteckt hatte, um die Temperatur im Innern zu messen wegen Selbstentzündung und Brandgefahr, für mich wie echte Gipfelkreuze. Einen solchen Alpengipfel zu erklimmen um anschließend in rasender Schussfahrt ins Tal zu rodeln, fand ich schon lohnenswert. Annette hatte manchmal richtig gute Ideen.
Oder auch nicht.
Jedenfalls waren unsere Hosenbeine, als wir oben angelangt waren, wirklich schwarz wie Kohle und nass dazu. Zudem war der Aufstieg im Tiefschnee über den rutschigen Kohlenhang mühsamer und beschwerlicher als wir gedacht hatten. Und mit einer rasanten Abfahrt, einer munteren Rodeltour war es auch nichts.
Die Schlittenkufen schrappten müde und stumpf durch Kohle und Schnee und wir blieben immer wieder stecken. Als Werner vom Schlitten stürzte, waren nicht nur seine Hosenbeine schwarz, und nicht nur er war enttäuscht. Mistidee, Annette, schimpfte er. Was meinst du, was meine Mutter für einen Ärger macht!?
Macht sie nicht, widersprach Annette. Seht ihr da unten das alte Fachwerkhäuschen? Wisst ihr, wer dort wohnt?
Klar, rief Jüppi, klar, wissen wir wer da wohnt: der alte Paschkowiak! Aber mein Vater sagt, der ist nicht ganz richtig im Kopp! Wieso, lachte Werner, nur weil der alte Paschkowiak sich manchmal besondere Sachen ausdenkt, heißt das nicht, dass er spinnt!
Jedenfalls besuchen wir den jetzt, bestimmte Annette. Und mir fielen einige von Paschkowiaks “besonderen Sachen” ein, die Werner meinte. Man könnte mit dem alten Mann einen eigenen Kalender machen, dachte ich, einen recht lustigen, der uns Kindern viel Freude machte.
Das fing im Februar an, zur Karnevalszeit.
Paschkowiak war der einzige im Dorf, der Karneval feierte mit Kostüm und Verkleiden und Umzug am Rosenmontag. Natürlich wäre er auch der einzige geblieben, der am Rosenmontag durch die Dorfstraßen zog, wenn wir Kinder ihn nicht auf seinem Weg begleitet hätten. Jedes Jahr wählte er ein anderes Kostüm, mal ging er als Pastor, worüber der echte sauer war, mal als Feuerwehrmann, worauf man überlegte, ihn aus der freiwilligen Feuerwehr auszuschließen, mal als Clown, mal als Elferrats- vorsitzender mit goldbestickter Kappe und langen Fasanenfedern daran, mal als echter Bergmann mit rußgeschwärztem Gesicht, Grubenlampe, Helm, Arschleder und schweren Sicherheitsschuhen.
Bergmann war er wirklich gewesen, viele Jahre. Jetzt war er Invalide und zog jedes Jahr am Rosenmontag in einem anderen Kostüm vor seinen Bollerwagen gespannt durch unser Dorf. Auf dem Bollerwagen hatte er eine Tüte mit Bonbons, Lakritzschnecken, Weingummis und Salinos, die er uns Kindern zuwarf. Doch ich glaube, wir wären auch ohne die süßen Sachen mitgezogen. Paschkowiak war auch ohne seine Süßigkeiten ein cooler Typ, würden die Kids heute sagen.
Zu Ostern hoppelte er einmal als Hase verkleidet mit Pappschlappohren und Puschelschwanz aus Watte hinten an die Hose geheftet um sein Häuschen. Wir haben uns kaputtgelacht, er aber versteckte Stanioleier im Gebüsch und freute sich, dass wir sie leicht finden konnten.
Im Sommer hatte es einmal Ärger gegeben im Freibad, weil er uns beweisen wollte, dass er als alter Mann noch einen Köpper vom Dreier schaffte. Dabei hatte er seine riesige altmodische Badehose im Wasser verloren, und einige von den jungen Müttern, die mit ihren Kleinkindern auf der Liegewiese lagen, hatten gekreischt und nach dem Bademeister gerufen. Doch Werner, unser bester Schwimmer, hatte die Hose längst geschnappt, sie rasch dem alten Paschkowiak gebracht, und die ganze Aufregung war vorbei.
Im Herbst schenkte er uns Äpfel, die in seinem Garten wuchsen, zeigte uns, wo man am besten Drachen steigen ließ und wie man kleine Zettel mit Wünschen und Botschaften an der Windvogelschnur hochschickte zu den Wolken. Später hat er sogar Runkelrüben mit uns ausgehöhlt, und wir haben daraus richtige Gesichter und gruselige Fratzen geschnitzt, lange bevor Halloween in Mode kam.
Da kommt ‘n stabilen Pinn dran, Kerze rein und ab damit von Haus zu Haus, hatte Paschkowiak gerufen. Bei euren Eltern vorbei von Fenster zu Fenster und schön schaurige Geräusche machen. Kinder, was meint ihr, wie die in ihren Stuben schlottern vor Angst und bibbern, wenn unsere Lichter vor den Scheiben flackern
Jetzt wollte Annette ihm unbedingt einen Besuch abstatten, nicht nur, damit Werner und wir anderen auch, unsere nassen schmutzigen Klamotten bei ihm trocknen und reinigen konnten. Das auch, aber ich denke, Annette waren die Weihnachtsüber-raschungen wichtiger, die sie in Paschkowiaks windschiefem, halbzerfallenen Fachwerkhäuschen zu finden hoffte.
Freundlich wie immer ließ er uns ein, und da stand er, der verrückteste Weihnachtsbaum, den ich je gesehen habe. Manche unserer Eltern benutzten inzwischen schon Elektrokerzen, aber bei Paschkowiak steckten richtige Wachskerzen auf den Zweigen, und die waren nicht etwa saftiggrün und frisch geschlagen von irgendeiner Tanne aus dem Sauerland, die sahen vielmehr fischgrätenähnlich trostlos aus, kahl, trocken und verdorrt, skelettartig abgenadelt, ein Baum vom vergangenen Jahr. Aber wunderbar geschmückt, fanden wir vier, Jüppi, Werner, Annette und ich. Irgendwo blinkte eine Baustellenlaterne gelb und gleißend und nicht zu übersehen. Rotweißes Baustellen-absperrband war lamettamäßig über das Tannenbaumskelett drapiert. Die Spitze bildete Paschkowiaks alter Grubenhelm mit leuchtender Stirnlampe, darunter hing seine alte Messinggrubenlampe, die wir von seinem Karnevalsumzug kannten, und ein eiserner Kauehaken zog die Zweige gefährlich weit nach unten.
Die Christbaumkugeln aber setzten dem ganzen die Krone auf: Kohle, nichts als Kohle baumelte in den trockenen Zweigen, zierliche, mit glänzenden Goldfäden umwickelte Steinkohlestückchen, große Koksbrocken an reißfesten Schnüren, dazwischen Eierkohlen an roten und grünen Bändern, jede Menge Eierkohlen, die ja immerhin fast die Form von Christbaumkugeln hatten. Der Stamm steckte in einer Pyramide aus Briketts.
Das passt nicht, hatte Jüppi gerufen. Das ist doch Braunkohle! Pah, hatte der alte Paschkowiak geantwortet, das ist auch was. Damit kriegst du jede Bude warm, und mein Weihnachtsbaum ist ein echter Bergmannsbaum, da kommt keine Sauerland-fichte mit. Staunend haben wir den Baum bewundert und unsere nassen Klamotten getrocknet.
Hier, haste ‘ne Bürste, hatte Paschkowiak zu Werner gesagt, bürste den Kohlendreck aus deiner Buchse, dann merkt deine Mutter nichts! Für jeden von euch noch ‘n Nürnberger Lebkuchen und ‘ne echte Aachener Printe! Seht ihr, ich bin international, auch wenn ich keine Nussknacker und Schwibbögen aus dem Erzgebirge habe, keine mundgeblasenen Glaskugeln aus dem bayrischen Wald und aus Thüringen, nur Kohlestückskes aus ‘m Ruhrpott und mein’ alten Helm und die olle Grubenfunzel. Is’ eben ‘n richtig schönes Bergmannsbäumsken. Alles schwarzes Gold dran aus dem Schoß unserer Erde, von uns Bergleute nach oben geholt, um Licht und Wärme in die dunkle kalte Welt zu bringen. Wir konnten nur stumm nicken.
Paschkowiaks ganz besonderer Weihnachtsbaum gefiel uns wirklich.
Und wir waren echt betroffen, total entsetzt und fassungslos, als unsere Eltern uns am Tag nach Weihnachten aus der Zeitung vorlasen, das kleine Fachwerkhaus neben der Kohlenhalde sei in der Nacht niedergebrannt, der Weihnachtsbaum vermutlich die Brandursache gewesen. Paschkowiak sei in seinem Wohnzimmer zu Tode gekommen, die Feuerwehr habe nur die verkohlte Leiche gefunden an der Stelle, wo wohl der Baum gestanden habe.
Das kommende Jahr, soviel stand fest, und alle Jahre danach, würden für uns Kinder nie wieder werden wie die zuvor, wie die Jahre mit dem alten Paschkowiak, mit seinem Karnevalszug, seinen Ostereiern, seinem Köpper vom Dreier, seinen Windvogel-briefen, seinen Runkelrübenfratzen und vor allem seinem verrückten Bergmannsbaum, der schließlich Schuld daran war, dass es ihn nicht mehr gab, den alten Paschkowiak.

Aus dem Erzählband Bis der Baum im Ständer steht, Münster 2001